Spanien : Chronik eines angekündigten Todes

Chronik eines angekündigten Todes

EUR 7,95


Welch Opfer? - Welch Motiv? - Vor siebenundzwanzig Jahren war eindeutig, um die Ehre der Angela Vicario (wohl nicht mit überschwänglicher Intelligenz bedacht) zu bewahren, muss einer sterben - Santiago Nasar, der Araber, weiß gekleidet (einnehmendes Äußeres, gute Partie) begibt er sich früh morgens ans Pier um den Segen des Bischofs entgegen zu nehmen, zur Vordertür (weil gut gekleidet) hinaus... ... alle Einwohner eines Dorfes an der kolumbianischen Karibikküste wissen Bescheid! Die Brüder Vicario - volltrunken nach der Hochzeitsfeier Angelas mit Bayardo San Roman - haben allseits verkündet, sie würden den Schänder rächen, ihn schlachten, in der Hoffnung, jemand würde Einhalt gebieten ... ... doch siebenundzwanzig Jahren später ist sich keiner mehr des Wetters sicher - war nicht Sonnenschein? Nein, schon mehrere Tage nicht! Wusste nicht jeder darüber Bescheid? Wurde er denn von niemandem gewarnt? War er nicht zur Hintertür raus? Nein, wenn er Festtagskleidung trug niemals? Und durch welche Tür kam er zurück an diesem Montag - seinem letzten? Glied für Glied setzt der ICH-Erzähler und Freund Santiago Nasars die Geschehnisse um Angela Vicarios geraubter Unschuld, ihrer Eheschließung und unmittelbaren Zurückweisung durch den betrogenen Gatten und den Vollzug der Rache durch ihre Brüder zusammen. Zeugen wie Bürgermeister, Priester, Köchin, Taufpatin, Freunde und viele andere berichten, doch niemand erinnert sich an eine gerechte Anhörung, an eine Bestätigung der Aussage Angelas, zumal niemand die beiden gemeinsam gesehen hätte, keiner schenkt der Warnung der Brüder Glauben, keiner kommt zu Hilfe - so war das damals! Auch dieses Kleinod an Marquez schem Zauber begründet den Nobelpreis, heute wie damals und jedes Mal aufs Neue. Klare Sätze, deutliche Beschreibungen und winzigste Details in ungeschmückter Aussprache spielen mich Leser an die Wand, setzen mich Schachmatt! Angela Vicario war die schönste der vier, und meine Mutter sagte, sie sei wie die großen Königinnen der Geschichte geboren worden: mit der Nabelschnur um den Hals. S43Karibische Gerüche, sinnesraubende Luftfeuchtigkeit, ausgelassene Feierlaune nebst deutlicher Wertevorstellung, doppelter Moral und ihrer Lust verkörpert durch die Dorfhure Maria Alejandrina Cervantes sind fühlbar, prickeln auf der Haupt und verbieten mir Leser ein Wort der Kritik, schließlich ist das Tradition! Bleibt mir die Frage, welch Motiv so sehr drängt, siebenundzwanzig Jahre danach die Geschehnisse in Erinnerung zu zwingen und diese nieder zu schreiben! Ein lebenslanges Gefühl der Schuld am Freund? Und wer war der wahre Liebhaber Angelas jener Nacht?

Viele offene Fragen - Eine Ehe wird ausgehandelt. Die Braut wird nicht gefragt. In der Hochzeitsnacht findet ihr Ehemann heraus, dass sie keineswegs jungfräulich ist. Er gibt sie ihrer Familie zurück. Nun muss deren Ehre wieder hergestellt werden. Die beiden Brüder der verstoßenen Braut beschließen, den vermeintlichen Übeltäter zu erstechen. Viele im Dorf, auch die Ordnungshüter, erfahren davon rechtzeitig. Doch niemand ist bereit die beiden Rächer aufzuhalten oder wenigstens das spätere Opfer zu warnen. Und so nehmen die Dinge ihren Lauf nach den Regeln der Tradition. Marquez erzählt diese Geschichte eigenartig wertfrei aus der Sicht des Vetters der befleckten Braut, der nach vielen Jahren das kolumbianische Dorf besucht und den Tag des Mordes für sich rekonstruiert. Wir kennen Ehrenmorde inzwischen auch in Deutschland. Wir finden sie abscheulich und verstehen nicht, wie man so etwas tun kann. Marquez hätte uns das Innere der Mörder und ihrer passiven Unterstützer begreiflicher machen können. Aber er verweigert sich. Wir lesen den Bericht und nehmen ihn zur Kenntnis. Doch wir verstehen ihn nicht wirklich. Und irgendwie berührt er auch nicht. Jedenfalls ist es mir so gegangen. Dabei boten sich dem preisgekrönten Schriftsteller hier so viele Chancen. Er hätte die Geschichte ausbauen und uns erklären können, wieso Menschen sich in solche Automatismen treiben lassen. Der Ermordete war der Sohn eines arabischen Einwanderers. Er war reich und ein Weiberheld. War er deshalb das Opfer? Warum schritt niemand ein? Was bewegt Menschen zu solcher Apathie? Ist so etwas nur in gewissen Kulturkreisen möglich oder beruht dieses Verhalten auf menschlichen Wesenszügen, die wir überall finden? Wenn man einmal davon absieht, dass Marquez viele Preise bekam und in den schriftstellerischen Olymp aufgenommen wurde, und nur dieses Werk betrachtet, dann bleibt wenigstens bei mir Enttäuschung übrig. Was wäre wohl aus diesem Büchlein geworden, wenn es ein anderer geschrieben hätte?Fazit.Dieses Buch ist weder spannend, noch wirklich erhellend. Dem Leser wird emotionslos das Geschehen eines Ehrenmordes erzählt. Es lässt uns leider mit vielen offenen Fragen allein.

Wer hat Schuld? - Eine junge Braut wird noch in der Hochzeitsnacht in ihr Elternhaus zurückgebracht, da sie nicht mehr jungfräulich ist. Man macht sich auf, um den angeblichen Täter zu töten.Vor der Kulisse einer kolumbianischen Hafenstadt lässt García Márquez diese ehrenhafte Tat geschehen. Und auch wenn man schon auf der ersten Seite im ersten Abschnitt erfährt wer das Opfer sein wird und wenige Seiten weiter, wer die Täter sind, ist es doch ein recht interessantes Buch, denn immerhin bekommt man eine Vielzahl an Personen vorgesetzt, an deren Leben man zumindest ansatzweise teilnimmt, da sie alle etwas mit dem Mord zu tun haben. Und da García Márquez nun einmal herausragend erzählen kann, wirkt hier alles so lebendig als wäre man unmittelbar dabei, man sieht die Menschen und Orten regelrecht vor sich. Wie schon in anderen Werken des gleichen Autors ist auch hier eine Chronologie der Ereignisse nur bedingt gegeben, was daran liegt, dass der Erzähler dieser Chronik mehrere Jahre nach dem Verbrechen möglichst viele Zeitzeugen zu Wort kommen lässt und somit mal alles aus Sicht des einen, dann wieder aus Sicht des anderen, manchmal auch überschneidend, erzählt. Bis kurz vor Ende war ich eigentlich noch nicht 100%ig davon überzeugt wirklich 4 Sterne zu verteilen, weil ich mir nicht sicher war, wo dieser Roman hinführen soll, immerhin ist ja offensichtlich der Mord nicht der Hauptaufhänger der Handlung, denn von einer Aufklärung des selbigen kann doch keine Rede sein, wenn nach wenigen Seiten schon alles klar ist. Daher dreht sich größtenteils vieles um die Differenz zwischen arm und reich, um Glaube und Aberglaube und eigentlich um das Leben im Allgemeinen in besagter Hafenstadt. Also nichts, was man, sofern man vorher bereits wenigstens ein weiteres Buch von García Márquez gelesen hat, nicht schon entfernt kannte. Zusätzlich enthält die Chronik eines angekündigten Todes aber noch die große(n) Schuldfrage(n): Lässt Wissen uns nicht verantwortlich werden? Wenn ja, waren dann wirklich nur die direkten Mörder verantwortlich? Hätte man das nicht alles verhindern können, verhindern müssen? Wie weit darf Tradition und Glaube gehen? Außerdem gibt der Autor am Ende noch mal richtig Gas, da wird es dann tatsächlich trotz der Vorkenntnisse bezüglich der Sachlage richtig interessant, fast sogar spannend. Und das ist das Bemerkenswerte an dem kleinen Buch.Unbedingt zu empfehlen für alle, die noch keinen García Márquez gelesen haben. Auf den knapp 120 Seiten bekommt man einen guten Eindruck seines Stils und seiner Thematik, wie ich finde. Alle anderen dürfen bloß keinen Krimi erwarten, denn das ist es nicht, warum, das steht weiter oben :-)

Eine Erkundungstour - Die Geschichte, die Garcia Marquez erzählt, besteht in dem, was in den anderthalb Stunden zwischen der Ankündigung der Mordtat und ihrem Vollzug geschieht, was das Opfer tut und vor allem die Bewohner der Ortschaft welche fast vollständig Zeugen des Verbrechens sind.Es handelt sich um eine gradlinige Beschreibung - Chronik- die sich zügig und in nahezu einem Zug lesen lässt.Der Sprachstil ist diesem Zustand angepasst. Jedes Wort reiht sich nahtlos in die Abfolge ein, keins ist überflüssig, nirgends entsteht eine Lücke. Klar formuliert und dennoch harmonisch angepasst und bis ins kleinste Detail überlegt erscheint dieser Roman fast als ein klassisches Werk. Diese Reinheit der Wortwahl steht genau im Gegensatz zu dem was sie ausdrücken soll. Das ganze Dorf erfährt von der bitteren Pflicht. Jeder weiß von dem doch so überflüssigem Ehrenkodex. Doch keiner schreitet ein.... was hält die Dorfbewohner davon ab, dann jungen Mann zu warnen? Ihn einzuweihen in etwas das jeder von ihnen seit dem Morgengrauen weiß?Jahre später versucht der Ich-Erzähler dieser atemberaubenden Chronik unter Befragung aller beteiligten Personen, von Pastor über Kellnerin bis zur verschmähten Braut, die Geschehnisse in jener heißen Tropennacht und am Morgen danach zu rekonstruieren.Seine gesammelten Erkenntnisse reiht er logisch aneinander und beleuchtet alles ineinander verspielt von vielen verschieden Seiten. Er nimmt den Leser mit, auf eine Erkundungstour durch die Stadt und bringt ihn so näher an die Tat heran.Ein großartiges Buch!

Verstoßen - Mit Márquez wird immer der Begriff der Magie verbunden. Magie ist etwas, was uns zu verzaubern vermag, ohne dass wir ahnen, wie sie zustande kommt. Bei Márquez jedoch vermögen wir es festzumachen: Es ist die Sprache, die bilderreich eine überbordende Atmosphäre schafft, vor allem jedoch ist es auch der scharfe Blick auf die Wurzeln Lateinamerikas. Wer glaubt, dass Vorkommnisse wie in Chronik eines angekündigten Todes nur noch in Büchern und Filmen auftauchen, sollte sich von den Zentren überall auf der Welt wegbewegen, um vermehrt auf Menschen zu treffen, bei denen die Ehre ein Begriff ist, dem sie alles unterstellen. Wie absurd das Schicksal dabei Regie führt, zeigt Márquez in seinem Roman. Die Braut ist nicht unberührt, ob der Mann es ist, spielt in diesem Dorf keine Rolle. Es gilt, den Ritualen Genugtuung zu verschaffen. Was sich bewährt hat, als Voraussetzung für eine Ehe angesehen wird, darf nicht mit Nachsicht bedeckt werden. Und so treten die Brüder auf, um sich zu rächen. Wir sind bei Shakespeare angekommen. Wessen Ehre ist die höhere? Am Ende nur jene, die überlebt. Ein kurzer Roman, dessen Bilderreichtum, dessen Abgründe mitten in Gabriel Garciá Marquez Magie führen.




Chronik eines angekündigten Todes